Ernährung und Medizin, Ausgabe 04/04


Atkins: Das bessere Konzept?
Drei Spiegeleier, kross gebratener Speck, dazu Kaffee mit Sahne – ohne Zucker. Frau S., 100 Kilo, bereitet ihr Frühstück zu. Am Mittag wird sie in der Kantine Koteletts essen oder Brathähnchen, ihren Lieblingspudding zum Nachtisch muss sie sich verkneifen. Frau S. macht die Atkins-Diät und hält sich streng an die Vorschriften. Im Gegensatz zu denjenigen, die mit kalorienreduzierter Mischkost abnehmen, greift sie bei Fett und Eiweiß nach Herzenslust zu und kontrolliert lediglich, wie viel Kohlenhydrate auf ihrem Teller landen.

Verzichtet wird ein paar Wochen lang fast ganz auf Kohlenhydrate, nur zwei Miniportionen Blattsalat oder einige Oliven sind erlaubt. Anschließend halten Kohlenhydrate in 5-Gramm-Schritten Einzug in den Speiseplan. Diese Menge entspricht etwa einer halben Tasse Blumenkohl oder anderen stärkearmen Gemüsesorten. Tabu bleiben Reis, Nudeln und Kartoffeln, Brot und Mehlspeisen, Fruchtsäfte und Milch.

Ketogenese gegen lästige Fettpolster
Offenbar können Übergewichtige allein durch den Verzicht auf Kohlenhydrate tatsächlich ihr Gewicht reduzieren. Fehlt dem Organismus Glucose, schaltet er auf Hunger um und kein anabol wirkendes Insulin wird mehr ausgeschüttet. Unser Notstromaggregat, die Ketogenese, startet. Speicherfett wird abgebaut, Triglyceride und freie Fettsäuren steigen an und daraus entsteht reichlich Acetyl-CoA.

Mangels Kohlenhydraten nimmt das Acetyl-CoA nicht den Weg über den Zitronensäurezyklus (wo es normalerweise dem Stoffwechsel zum Opfer fällt) sondern erreicht die Leber, wo aus ihm mit Energie geladene Ketonkörper gebaut werden. Anstelle von Glucose versorgt sich der Organismus nun mit Ketonkörpern. Ein Teil verlässt den Körper über die Atmung und den Urin.

Atkins im Vergleich
Der Kardiologe Robert Atkins veröffentlichte bereits in den 1970er-Jahren die erste Ausgabe seines Diätprogramms. Immer mal wieder ist die Atkins-Diät danach im Gespräch gewesen, doch wissenschaftlich erforscht wurde sie erst kürzlich. Mittlerweile springen selbst Publikumsmagazine auf das Thema an. Focus und Stern berichteten ausführlich, überregionalen Zeitungen war Atkins & Co. mindestens eine Meldung wert. Eine Forschergruppe aus Philadelphia untersuchte 132 Freiwillige mit einem durchschnittlichen Gewicht von 130 kg. Etwa zwei Drittel litten entweder an Diabetes mellitus oder am Metabolischen Syndrom.

Der einen Hälfte der Übergewichtigen verschrieb man eine traditionelle Ernährungsberatung: Ihnen wurde
auf den Weg gegeben, täglich 500 kcal einzusparen und den Fettanteil unter 30% zu halten. Die restlichen Probanden ernährten sich nach Atkins: nicht mehr als 30 g Kohlenhydrate pro Tag und ausschließlich ausgewählte Gemüse- und Obstsorten. Bei Fett und Eiweiß mussten sie sich nicht zurückhalten.
Innerhalb von sechs Monaten nahm die kohlenhydratarme Gruppe im Schnitt ca. 6 kg ab, die fettarme ungefähr 2 kg.

Bei denjenigen, die Kohlenhydrate gemieden hatten, sank der Triglyceridspiegel um 20% – mit der fettreduzierten Kost lediglich um 4 %. Auch der Blutzucker der Übergewichtigen erreichte mit der Atkins-Diät wieder bessere Werte, zwar gering aber doch signifikant im Vergleich zu der Gruppe, die den herkömmlichen Empfehlungen gefolgt war. Eine zweite Studie aus den USA zeigte ähnliche Ergebnisse: Nach drei und auch sechs Monaten hatte die Atkins-Gruppe mehr Gewicht verloren als die Vergleichsgruppe.

Die Triglyceride sanken unter der Eiweiß-Fett-Diät um 17%. Bei denjenigen, die Kalorien gezählt hatten, nur um 1%. Anders als in der o.g. Philadelphia-Studie, wo sich HDL, LDL und Gesamtcholesterin bei keiner der beiden Gruppen verändert hatte, stieg hier das HDL-Cholesterin um 11% unter der kohlenhydratarmen Diät und um 2 % bei der anderen Gruppe.

Es scheint so, als würde sich die Atkins-Diät im Alltag nur schwer durchhalten lassen: Ein Drittel bis die Hälfte der Teilnehmer in beiden Gruppen waren nach einigen Monaten ausgestiegen und hatten ihre alte Ernährungsweise wieder aufgenommen. Langfristig kann der Körper Schaden nehmen – da überwiegend säurebildende Lebensmittel verzehrt werden, drohen Nierensteine oder gar Gicht. Auch Knochenschwund als eine Nebenwirkung ist möglich. Außerdem können Vitamin- und Mineralstoffpräparate frisches Obst und Gemüse nicht ersetzen.

Erklärungsversuche
Die Ernährungswissenschaft versucht sich in Erklärungen, warum trotz Bergen von Butter das Hüftgold schwindet. Ein Ansatz: In der Evolution des Menschen spielen Kohlenhydrate erst seit relativ kurzer Zeit eine Rolle. Zuvor standen Früchte, Pflanzen und Fleisch auf dem Speiseplan. Seit einigen Jahren wissen die Forscher, dass stärkereiche Lebensmittel mit einem hohen glykämischen Index den Blutzuckerspiegel emporschnellen lassen.

Viel Insulin wird ausgeschüttet, was bewirkt, dass Muskeln, Leber und eben Fettgewebe schnell sehr viel Glucose aufnehmen müssen und teilweise in Fett umwandeln. Und da Insulin unser wichtigstes Masthormon ist, sorgt es dafür, dass Depotfett lange an seinem Ort bleibt. Außerdem folgt einem schnellen Anstieg des Blutzuckers auch ein rasches Abfallen – Hunger meldet sich.

Zwischen Glyx und South Beach
Diäten, die nicht nur Fett einsparen sondern auch Kohlenhydrate, liegen im Trend. Das zeigt der Erfolg einschlägiger Diätratgeber. Marion Grillparzers GLYX-Diät (G&U) beispielsweise stürmte die Bestsellerlisten. Die Diät legt Wert auf Kohlenhydrate mit niedrigem glykämischen Index, vollwertiges Getreide, ungeschälten Reis. Bei pflanzlichen Fetten und Eiweißen aus Fisch, Nüssen und Hülsenfrüchten darf man zuschlagen – sie gelten als natürliche »Fatburner«.

Das Prinzip des glykämischen Index ist umstritten, da die Werte nur einzeln gemessen wurden und nicht die Vielfalt der Nahrungsmittel einer ganzen Mahlzeit berücksichtigen. Doch spricht auch nichts gegen eine GLYX-Diät, die mit magerem Fleisch, Fisch, viel Obst und Gemüse zum Sattessen all das liefert, was wir brauchen.

Dr. Arthur Agatstons South Beach Diät (Knaur) kommt schon etwas rigider daher. Der amerikanische Kardiologe verordnete seinen Herzinfarkt-Patienten eine Kost, mit der sie ihre Blutfettwerte verbessern sollten. Der Nebeneffekt: Gewichtsreduktion. Hier sind Weißmehlprodukte, Kartoffeln und Reis verboten, Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkorn nach einer Anfangsphase erlaubt. Anders als bei Atkins bleiben tierische Fette, ausgenommen das in fettem Fisch enthaltene Fischöl, tabu. Bei »guten« Pflanzenfetten wie Olivenöl und bei Nüssen darf der Abnehmwillige zugreifen. Die strikte Phase, in der Hülsenfrüchte, Obst und Vollkornbrot oder -nudeln nicht gegessen werden sollten, kommt der Atkins-Diät schon recht nahe. An der daran anschließenden gemäßigten Kost ist allerdings nichts auszusetzen: Viel Gemüse, Ballaststoffe, Vitamine, wertvolle pflanzliche Öle und Omega-3-Fettsäuren.

Burger ohne Brötchen
Hierzulande bleiben die Verfechter der Kohlenhydrate, allen voran die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, bei ihrem Dogma, mehr als 50 % der Nahrungsenergie aus stärkehaltigen Lebensmitteln zu beziehen und Fett einzusparen. Experten meinen, dass diese Empfehlung nicht mehr lange zu halten ist. Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung sagte Professor Hans-Georg Joost vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung, Potsdam-Rehbrücke, dass er sich von der Empfehlung verabschiedet habe, täglich weniger als 30 % Fett zu sich zu nehmen.

In den USA setzt sich immer mehr der Trend zu »Low-Carb« durch – mittlerweile mit dramatischen Folgen für die Wirtschaft: Der Aktienkurs des größten Eierproduzenten stieg im vergangenen Jahr um das Achtfache, Donut-König Krispy Kreme der jährlich fast drei Milliarden Schmalzkringel verkauft, meldete Ende August drastische Einbrüche: 56 % Umsatzschwund in drei Monaten. Immer mehr »Low-Carb-Produkte« halten Einzug in die Supermarktregale und bei Burger King kam man seinen Hamburger mittlerweile auch ohne Brötchen bestellen.

 
Literatur:
1 Samaha FF, et al.: A low-carbohydrate as compared with a low-fat diet in severe obesity. N Engl J Med 2003; 348: 2074–2081.
2 Foster GD, et al.: A randomized trial of a lowcarbohydrate diet for obesity. N Engl J Med 2003; 348: 2082–2090.