Jugendbuch 2006, Reader's Digest


Kinder, stürmt die Hörsäle!

Vorlesungen für Kinder – ob das funktioniert? Und wie! Vor drei Jahren startete die Kinder-Uni in Tübingen und inzwischen halten gestandene Professoren Kinder-Vorlesungen an rund 70 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Alles begann 2002 an der alt ehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Zusammen mit dem Schwäbischen Tagblatt beschloss die Uni-Leitung, der PISA-Studie zu trotzen und zu beweisen: Kinder sind wissensdurstig, man muss ihnen nur den richtigen Rahmen bieten!

Die Idee der Kinder-Uni war geboren – und sie wurde ein riesiger Erfolg. Rund 400 junge Hörer stürmten bereits in die allererste Kinder-Vorlesung im Hörsaal des anatomischen Instituts. Es ging um die Frage, warum Vulkane Feuer spucken. Professor Gregor Markl erläuterte das anschaulich, was irgendwie auch passte, denn als er 1999 an die Universität gekommen war, war er mit 28 Jahren der jüngste Professor Deutschlands. Weil die erste Vorlesung so erfolgreich war, stand einer Fortsetzung nichts im Wege: Sieben weitere fanden im Sommer 2002 in Tübingen statt, und bald übernahmen andere Universitäten in Deutschland, Österreich und der Schweiz das Konzept.

Frau Dr. Liebrecht etwa lehrt an der Uni Köln. In ihrer Vorlesung geht es um Zähne und Zahnlücken. Die Kinder sitzen in Bankreihen auf herunter klappbaren Stühlen – so ähnlich wie im Kino. "Ein Zahn ist futsch – was nun?" heißt die Veranstaltung.

Zuhören und Mitmachen
Die meisten Vorlesungen an der Kinder-Uni haben eine konkrete Frage als Titel. Warum ist der Himmel blau? Wo kommen all die Sprachen her? Professor Andreas Wieck von der Ruhr-Uni Bochum klärt, warum es den Regen nur in Tropfen gibt. Und im Fach Marketing, wo man sich damit beschäftigt, wie Firmen ihre Autos, Computer oder Süßigkeiten besonders gut verkaufen können, fragt Professor Markus Voeth: Warum ist die Kuh eigentlich lila? Und weshalb haben die Werbeleute ihr diese Farbe gegeben? Damit sich die Teilnehmer der Kinder-Uni wie Studenten fühlen, bekommen sie einen Studentenausweis und am Ende jeder Vorlesung auch einen "Schein", mit Stempel und Unterschrift des Professors.

Ein Schein ist an der Universität ein Nachweis, dass eine Veranstaltung besucht wurde. Die "richtigen" Studenten müssen solche Scheine erwerben, um irgendwann die Abschlussprüfung machen zu können. Prüfungen gibt es an der Kinder-Uni aber nicht, schließlich soll Lernen hier zuallererst einmal Spaß machen. Und weil es einfach Spaß macht, dürfen die Teilnehmer der Lila-Kuh-Vorlesung in kleinen Experimenten auch selbst untersuchen, ob Schokolade dank lila Kühen wirklich besser schmeckt.

Fragen und Antworten
Nicht nur wenn man zu viel Schokolade isst, können Zähne kaputt gehen, man kann sie sich auch ausschlagen – etwa bei einem Unfall. Frau Dr. Liebrecht fragt die kleinen Studenten, was sie denn machen würden, wenn so etwas passiert. Ein Mädchen ruft: „Zuerst den Zahn suchen!“ „Genau, und was macht ihr dann mit dem Zahn?“, fragt Frau Dr. Liebrecht und ein Junge kräht: „Den anderen Kindern zeigen!“. Die Dozentin lacht kurz: „Ja, das ist gar nicht verkehrt, aber was muss man dann tun?“ Von einer oberen Bankreihe folgt die Antwort: „Einpacken!“ Aber Frau Dr. Liebrecht will’s genau wissen: „Ja, und dann?“ Im Hörsaal wird es unruhig, die Kinder beratschlagen sich, manche ziehen die Schultern hoch. Vielleicht den Zahn den Eltern bringen? „Auf jeden Fall muss so ein ausgeschlagener Zahn so schnell wie möglich zum Zahnarzt“, beantwortet die Dozentin ihre Frage selbst.

Und wenn alle Regeln befolgt werden, kann der Zahn wieder anwachsen. Am besten aufgehoben ist er in einer so genannten „Dento Safe Box“, in der sich eine spezielle Flüssigkeit befindet. „Dort überlebt der Zahn am längsten, sonst nämlich nur etwa eine halbe Stunde. Wisst ihr denn auch, wie man den Zahn aufbewahren könnte, wenn man eine solche Box nicht zur Hand hat?“ Die Kinder sind ratlos. „In einem Glas Milch!“ Tatsächlich, am besten hält sich ein verlorener Zahn in einem sauberen Glas mit H-Milch. Keinesfalls darf man den Zahn aber an der Wurzel anfassen. Die Zellen dort dürfen nicht gequetscht werden. Ein unbehagliches Raunen durchfährt die Menge, eine schlimme Vorstellung, so eine Wurzel-Zellquetschung.

Begeisterte Zuhörer
Da wo die normalen Studenten manchmal leicht gelangweilt ihre Zeit in den Lehrveranstaltungen absitzen, sind die Kinder in ihren Gefühlsausbrüchen oft nicht zu bremsen. Das musste auch der 2004 zum „Lieblings-Professor“ gewählte Hans-Dieter Burkhard in seiner Vorlesung „Warum sind wir schlauer als Roboter?“ feststellen. Um zu Beginn die Wartezeit zu überbrücken, ließ er auf einer Leinwand ein Fußballspiel mit Roboterhunden zeigen. Die Schreie und Jubelrufe der Kinder waren noch in der Mensa zu hören.

Mucksmäuschenstill wurde es aber anschließend, als Professor Burkhard Roboterhund Fritz vorführte. Danach beschrieb er, weshalb Roboter den Menschen nie überflügeln werden: Sie können nicht selbstständig entscheiden, und weil sie jede Handlung ausrechnen müssen und auf keine Erfahrungen zurückgreifen können, dauert bei ihnen alles viel länger. Und im Gegensatz zu uns können sich Maschinen auch nichts Neues ausdenken.  

Erwachsene verboten!
Die alten Etrusker jedenfalls haben sich hunderte Jahre vor Christi Geburt etwas Raffiniertes ausgedacht, um trotz einer Zahnlücke ein schönes Gebiss zu behalten: Sie schnitzten Ersatzzähne aus Knochen oder Elfenbein und befestigten sie dann mit einem schmückenden Goldband an den übrigen Zähnen. Frau Dr. Liebrecht zeigt auf die Abbildung eines uralten Gebisses. „Die Leute früher haben auch mal versucht, einfach einen Zahn von jemand anderem zu nehmen.“ „Iiiih“, tönt es überall im Saal.

Zähne von Sklaven oder Hunden wurden damals gerne verwendet, um Lücken zu schließen, aber das ging nie lange gut. Der Körper merkt nämlich sofort, dass der Zahn nicht zu ihm gehört und er zerstört ihn. „Aber was könnte man denn sonst nehmen?“, fragt Frau Dr. Liebrecht. Ein Junge ganz hinten im Saal weiß: „Ein Implantat aus Kunststoff!“. Alle Fragen und Antworten kommen auch wirklich von den Kindern selbst. Eltern, die einsagen, sind an der Kinder-Uni nämlich streng verboten. Erwachsene dürfen sich zwar mit in den Hörsaal setzen, müssen dabei aber stille Zuschauer bleiben. Und ist eine Vorlesung voll, müssen Eltern stehen oder gar draußen warten, damit sie niemandem einen Platz wegnehmen.

An der Kinder-Uni Stuttgart-Hohenheim sitzen Erwachsene von vorne herein in einem anderen Saal und schauen die Vorlesung per Videoübertragung an. Und auch wenn Eltern die Vorlesung mitgehört haben, dürfen sie nach den inoffiziellen Regeln der Kinder-Uni ihre Kinder danach nicht abfragen – denn alles, was den Spaß verdirbt, soll vermieden werden. Der Spaß rund um Zähne und Zahnlücken ist nach 45 Minuten Vorlesungszeit schließlich vorbei. „Das war’s für heute, ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit“ sagt Frau Dr. Liebrecht noch. Und die Kinder wissen, wie echte Studenten zeigen, dass es ihnen gefallen hat: Sie klopfen eifrig auf die Tische.

Uni-Kauderwelsch
Wo es überall Kinder-Unis gibt und welche Vorlesungen da gehalten werden, erfahrt ihr im Internet. Wer eine Kinder-Uni besucht, sollte ein paar Regeln kennen und bestimmte Bezeichnungen verstehen.
- Studenten lernen nicht in der Klasse, sondern in „Vorlesungen“ und „Seminaren „. Im Seminar wird diskutiert und es werden Referate gehalten, in Vorlesungen spricht der Professor meist anderthalb Stunden.
- Ein „Kommilitone“ ist jemand, der an der gleichen Uni studiert, wie man selbst, also ein Kollege oder Mitstudent.
- Hinter der Uhrzeit, zu der eine Vorlesung beginnt, steht häufig „c.t.“. Das ist die Abkürzung für „cum tempore“, also „mit Zeit“ und bedeutet, dass die Veranstaltung eine Viertelstunde später beginnt. Deshalb spricht man auch vom „akademischen Viertel“.
- Einen Doktortitel kann man in jedem Fach bekommen, nicht nur in der Medizin. Dazu muss man eine Doktorarbeit schreiben und ein mündliches „Rigorosum“ ablegen, also eine „strenge Prüfung“. i Um Professor zu werden, muss man eine sehr gute Doktorarbeit und danach auch noch eine Habilitation schreiben, eine zusätzliche große Arbeit. Danach bewerben sich die Habilitierten auf freie Professorenstellen. Erst wenn sie einen „Ruf“ erhalten, also angenommen werden, dürfen sie sich Professor nennen.
- Ein Professor wird mit 65 Jahren emeritiert, geht also in Rente. „Emeritus“ ist Lateinisch und heißt übersetzt „ausgedient“.

Vorlesungsverzeichnis der Kinder-Unis in ganz Deutschland: www.die-kinder-uni-de
Kinder-Uni des Landes Rheinland-Pfalz: www.kinderuni.rlp.de