|
Kinder, stürmt die Hörsäle!
Vorlesungen
für
Kinder – ob das funktioniert? Und wie! Vor drei Jahren startete die
Kinder-Uni in Tübingen und inzwischen halten gestandene
Professoren Kinder-Vorlesungen an rund 70 Hochschulen in Deutschland,
Österreich und der Schweiz. Alles begann 2002 an der alt
ehrwürdigen Eberhard-Karls-Universität
in Tübingen. Zusammen mit dem Schwäbischen Tagblatt beschloss
die Uni-Leitung, der
PISA-Studie zu trotzen und zu beweisen: Kinder sind wissensdurstig, man
muss
ihnen nur den richtigen Rahmen bieten!
Die Idee der Kinder-Uni war geboren – und sie wurde ein riesiger
Erfolg. Rund 400 junge Hörer stürmten bereits in die
allererste
Kinder-Vorlesung im Hörsaal des anatomischen Instituts. Es ging um
die Frage, warum
Vulkane Feuer spucken. Professor Gregor Markl erläuterte das
anschaulich, was
irgendwie auch passte, denn als er 1999 an die Universität
gekommen war, war er
mit 28 Jahren der jüngste Professor Deutschlands. Weil die erste
Vorlesung so
erfolgreich war, stand einer Fortsetzung nichts im Wege: Sieben weitere
fanden
im Sommer 2002 in Tübingen statt, und bald übernahmen andere
Universitäten in
Deutschland, Österreich und der Schweiz das Konzept.
Frau Dr.
Liebrecht etwa
lehrt an der Uni Köln. In ihrer Vorlesung geht es um Zähne
und Zahnlücken. Die Kinder
sitzen in Bankreihen auf herunter klappbaren Stühlen – so
ähnlich wie im Kino. "Ein Zahn ist futsch – was nun?" heißt
die Veranstaltung.
Zuhören und Mitmachen
Die
meisten Vorlesungen an der Kinder-Uni haben eine konkrete Frage
als Titel. Warum ist der Himmel blau? Wo kommen all die Sprachen her?
Professor
Andreas Wieck von der Ruhr-Uni Bochum klärt, warum es den Regen
nur in Tropfen
gibt. Und im Fach Marketing, wo man sich damit beschäftigt, wie
Firmen ihre
Autos, Computer oder Süßigkeiten besonders gut verkaufen
können, fragt
Professor Markus Voeth: Warum ist die Kuh eigentlich lila? Und weshalb
haben
die Werbeleute ihr diese Farbe gegeben? Damit sich die Teilnehmer der
Kinder-Uni
wie Studenten fühlen, bekommen sie einen Studentenausweis und am
Ende jeder
Vorlesung auch einen "Schein", mit Stempel und Unterschrift des
Professors.
Ein
Schein ist an der Universität ein Nachweis, dass eine
Veranstaltung besucht
wurde. Die "richtigen" Studenten müssen solche Scheine erwerben,
um irgendwann
die Abschlussprüfung machen zu können. Prüfungen gibt es
an der Kinder-Uni aber
nicht, schließlich soll Lernen hier zuallererst einmal Spaß
machen. Und weil es
einfach Spaß macht, dürfen die Teilnehmer der
Lila-Kuh-Vorlesung in kleinen
Experimenten auch selbst untersuchen, ob Schokolade dank lila
Kühen wirklich
besser schmeckt.
Fragen und Antworten
Nicht nur wenn man zu viel Schokolade isst, können Zähne
kaputt gehen,
man kann sie sich auch ausschlagen – etwa bei einem Unfall. Frau Dr.
Liebrecht fragt
die kleinen Studenten, was sie denn machen würden, wenn so etwas
passiert. Ein
Mädchen ruft: „Zuerst den Zahn suchen!“ „Genau, und was macht ihr
dann mit dem Zahn?“,
fragt Frau Dr. Liebrecht und ein Junge kräht: „Den anderen Kindern
zeigen!“.
Die Dozentin lacht kurz: „Ja, das ist gar nicht verkehrt, aber was muss
man dann tun?“ Von einer oberen Bankreihe folgt die Antwort:
„Einpacken!“ Aber Frau
Dr. Liebrecht will’s genau wissen: „Ja, und dann?“ Im Hörsaal wird
es unruhig,
die Kinder beratschlagen sich, manche ziehen die Schultern hoch.
Vielleicht den
Zahn den Eltern bringen? „Auf jeden Fall muss so ein ausgeschlagener
Zahn so
schnell wie möglich zum Zahnarzt“, beantwortet die Dozentin ihre
Frage selbst.
Und wenn alle Regeln befolgt
werden, kann der Zahn wieder anwachsen. Am besten aufgehoben ist er in
einer so
genannten „Dento Safe Box“, in der sich eine spezielle Flüssigkeit
befindet. „Dort
überlebt der Zahn am längsten, sonst nämlich nur etwa
eine halbe Stunde. Wisst
ihr denn auch, wie man den Zahn aufbewahren könnte, wenn man eine
solche Box
nicht zur Hand hat?“ Die Kinder sind ratlos. „In einem Glas Milch!“
Tatsächlich, am besten hält sich ein
verlorener Zahn in einem sauberen Glas mit H-Milch. Keinesfalls darf
man den
Zahn aber an der Wurzel anfassen. Die Zellen dort dürfen nicht
gequetscht werden.
Ein unbehagliches Raunen durchfährt die Menge, eine schlimme
Vorstellung, so eine
Wurzel-Zellquetschung.
Begeisterte Zuhörer
Da wo die normalen Studenten manchmal
leicht gelangweilt ihre Zeit in den Lehrveranstaltungen absitzen, sind
die
Kinder in ihren Gefühlsausbrüchen oft nicht zu bremsen. Das
musste auch der
2004 zum „Lieblings-Professor“ gewählte Hans-Dieter Burkhard in
seiner Vorlesung
„Warum sind wir schlauer als Roboter?“ feststellen. Um zu Beginn die
Wartezeit zu
überbrücken, ließ er auf einer Leinwand ein
Fußballspiel mit Roboterhunden
zeigen. Die Schreie und Jubelrufe der Kinder waren noch in der Mensa zu
hören.
Mucksmäuschenstill wurde es aber
anschließend, als Professor Burkhard Roboterhund Fritz
vorführte. Danach
beschrieb er, weshalb Roboter den Menschen nie überflügeln
werden: Sie können
nicht selbstständig entscheiden, und weil sie jede Handlung
ausrechnen müssen und
auf keine Erfahrungen zurückgreifen können, dauert bei ihnen
alles viel länger.
Und im Gegensatz zu uns können sich Maschinen auch nichts Neues
ausdenken.
Erwachsene verboten!
Die
alten Etrusker jedenfalls haben sich hunderte Jahre vor Christi
Geburt etwas Raffiniertes ausgedacht, um trotz einer Zahnlücke ein
schönes
Gebiss zu behalten: Sie schnitzten Ersatzzähne aus Knochen oder
Elfenbein und befestigten
sie dann mit einem schmückenden Goldband an den übrigen
Zähnen. Frau Dr.
Liebrecht zeigt auf die Abbildung eines uralten Gebisses. „Die Leute
früher
haben auch mal versucht, einfach einen Zahn von jemand anderem zu
nehmen.“ „Iiiih“,
tönt es überall im Saal.
Zähne
von Sklaven oder Hunden
wurden damals gerne
verwendet, um Lücken zu schließen, aber das ging nie lange
gut. Der Körper
merkt nämlich sofort, dass der Zahn nicht zu ihm gehört und
er zerstört ihn. „Aber
was könnte man denn sonst nehmen?“, fragt Frau Dr. Liebrecht. Ein
Junge ganz
hinten im Saal weiß: „Ein Implantat aus Kunststoff!“. Alle Fragen
und Antworten
kommen auch wirklich von den Kindern selbst. Eltern, die einsagen, sind
an der
Kinder-Uni nämlich streng verboten. Erwachsene dürfen sich
zwar mit in den
Hörsaal setzen, müssen dabei aber stille Zuschauer bleiben.
Und ist eine
Vorlesung voll, müssen Eltern stehen oder gar draußen
warten, damit sie niemandem
einen Platz wegnehmen.
An
der Kinder-Uni Stuttgart-Hohenheim sitzen
Erwachsene
von vorne herein in einem anderen Saal und schauen die Vorlesung per
Videoübertragung
an. Und auch wenn Eltern die Vorlesung mitgehört haben,
dürfen sie nach den
inoffiziellen Regeln der Kinder-Uni ihre Kinder danach nicht abfragen –
denn
alles, was den Spaß verdirbt, soll vermieden werden. Der
Spaß rund um Zähne und
Zahnlücken ist nach 45 Minuten Vorlesungszeit schließlich
vorbei. „Das war’s
für heute, ich bedanke mich für eure Aufmerksamkeit“ sagt
Frau Dr. Liebrecht
noch. Und die Kinder wissen, wie echte Studenten zeigen, dass es ihnen
gefallen
hat: Sie klopfen eifrig auf die Tische.
Uni-Kauderwelsch
Wo es überall Kinder-Unis gibt und welche Vorlesungen da gehalten
werden, erfahrt ihr im Internet. Wer eine Kinder-Uni besucht, sollte
ein paar Regeln kennen und bestimmte Bezeichnungen verstehen.
- Studenten lernen nicht in der Klasse, sondern in „Vorlesungen“
und „Seminaren „. Im Seminar wird diskutiert und es werden Referate
gehalten,
in Vorlesungen spricht der Professor meist anderthalb Stunden.
- Ein „Kommilitone“ ist jemand, der an der gleichen Uni studiert,
wie man selbst, also ein Kollege oder Mitstudent.
- Hinter der Uhrzeit, zu der eine Vorlesung beginnt, steht häufig
„c.t.“.
Das ist die Abkürzung für „cum tempore“, also „mit Zeit“ und
bedeutet, dass die
Veranstaltung eine Viertelstunde später beginnt. Deshalb spricht
man auch vom „akademischen
Viertel“.
- Einen Doktortitel kann man in jedem Fach bekommen, nicht nur in
der Medizin. Dazu muss man eine Doktorarbeit schreiben und ein
mündliches „Rigorosum“
ablegen, also eine „strenge Prüfung“. i Um Professor zu werden,
muss man eine sehr gute Doktorarbeit und danach auch noch eine
Habilitation
schreiben, eine zusätzliche große Arbeit. Danach bewerben
sich die
Habilitierten auf freie Professorenstellen. Erst wenn sie einen „Ruf“
erhalten,
also angenommen werden, dürfen sie sich Professor nennen.
- Ein Professor wird mit 65 Jahren emeritiert, geht also in Rente.
„Emeritus“ ist Lateinisch und heißt übersetzt „ausgedient“.
Vorlesungsverzeichnis
der Kinder-Unis in ganz Deutschland: www.die-kinder-uni-de
Kinder-Uni des Landes Rheinland-Pfalz: www.kinderuni.rlp.de
|