brigitte_polly_anjaWarum Männer manchmal kochen und Frauen immer den Einkaufszettel schreiben

Es ist wirklich ungerecht verteilt: Frauen machen fast alles, Männer so gut wie nichts, wenn’s ums Thema Essen geht. Warum ist das immer noch so in Zeiten von Kitas und Elterngeld? Das untersuchten Expertinnen der Uni Gießen in einer Studie* und entdeckten verschiedene „Ernährungsversorgertypen“ unter den Frauen. Wir sprachen mit Uta Meier-Gräwe, einer der Autorinnen.

BRIGITTE: Männer können kochen, putzen, waschen, wenn sie alleine leben. Wann verlieren sie diese Fähigkeiten?
Uta Meier-Gräwe: Sobald sie mit einer Frau zusammenziehen, und wenn dann noch Kinder kommen, geht die Versorgung nahezu komplett an die Frauen über. Aber die machen eben auch mit.
Klingt nicht sehr emanzipiert…
Naja, gerade Frauen in einfachen Jobs haben oft keine Identifikation mit ihren Berufsinhalten. Sie beziehen ihre Identität aus der Versorgerrolle. Sie legen ihr ganzes Herzblut in die Zubereitung üppiger Mahlzeiten und die Organisation des Alltags. Bleibt die Frage, warum letzteres bei Akademikerinnen teilweise genauso ist.
Wie kriegen Frauen mit Vollzeitjob Beruf und Versorgerrolle unter einen Hut?
Diese sogenannten „berufsorientierten Netzwerkerinnen“ sind durchweg gut ausgebildet und haben meist Regelplätze in der Kita. Das reicht aber nicht. Sie müssen um Kita und Schule herum Netzwerke knüpfen: andere Mütter, Nachbarn, Haushaltshilfen. Sie betreiben einen großen Aufwand mit der gesunden Ernährung ihrer Kinder – mitunter übertrieben – und gönnen sich selber oft keine Mittagspause.
Sind „familienorientierte Traditionalistinnen“ mit Teilzeitjob besser dran?
Nicht wirklich, sie privatisieren das Problem nur und nehmen sich in ihren beruflichen Möglichkeiten zurück. Diese Frauen wollen im Job einen Fuß in der Tür behalten. Sie sagen: „Meine Familie ist mir wichtiger, und mein Mann verdient ja.“ Dank Ehegattensplitting haut das auch hin.
Was sind das für Frauen?
Häufig Lehrerinnen, die vormittags unterrichten. Sie kochen selbst und sind sehr strikt, was gesunde Ernährung angeht. Diese gut ausgebildeten Mütter schauen auf andere Mütter herab, die sich nicht so kümmern können.
Gibt es denn überhaupt einen Typ, der sich nicht aufreibt oder aufopfert?
Die „pragmatische Selbständige“. Sie hat sich nach dem ersten Kind selbständig gemacht, weil sie es als Angestellte sehr schwer gehabt hätte. Sie ist ein Organisationstalent und hat keine überzogenen Ansprüche: Es muss nicht alles Bio sein, sie holt auch mal eine Pizza. Sie kocht zwar mittags, spannt die Kinder aber im Haushalt mit ein.
Wenigstens helfen Männer eher mit, wenn auch ihre Frauen viel arbeiten.
Ja, dann machen sie schon mal das Abendbrot, kaufen ein, aber den Einkaufszettel muss die Frau schreiben. Sie ist es, die die ganze Alltagsorganisation im Kopf hat.
Viele Väter kommen oft zu spät nach Hause, um noch helfen zu können.
Richtig. Soviel zum Thema familienfreundliche Arbeitswelt. Eine Mutter meinte: „Eigentlich bin ich allein erziehend“. Statt mal zu sagen: „Jungs, so geht das aber nicht“ und einen Plan aufzustellen, wie alle mithelfen können, haben viele ihre Versorgerrolle so verinnerlicht, dass sie es letzendlich hinnehmen. Übrigens würden auch die Kinder von einer Arbeitsteilung profitieren: Söhne helfen nicht im Haushalt, wenn die Väter es nicht vorleben.
Ist der Anspruch der Frauen an sich selbst heute größer?
Frauen nehmen das Thema Ernährung nicht mehr so entspannt wie vor 50 Jahren. Bei gesundem Essen wollen die „akademischen Netzwerkerinnen“ und die „Traditionalistinnen“ alles korrekt machen.
Berufstätige Mütter mit überhöhten Ansprüchen im Dauerstress, Männer die nicht helfen, wie könnte man dieses Dilemma lösen?
Es wäre viel gewonnen, wenn Mütter sich um das Thema gesundes Mittagessen nicht mehr täglich selbst kümmern müssten. Hier ist die Politik gefordert, für eine hochwertige Mittagsverpflegung der Kinder in Kitas und Schulen zu sorgen. Aber solange die Mütter das Gefühl haben, mittags gibt’s nichts Vernünftiges, stehen sie abends am Herd.

Anja Fleischhauer
* als Buch erschienen: „Essalltag in Familien. Ernährungsversorgung zwischen privatem und öffentlichem Raum“. Von Ingrid-Ute Leonhäuser, Uta Meier-Gräwe, Anke Möser, Uta Zander, Jacqueline Köhler, VS Verlag, 24,90 Euro